»Im Sommer ist Berlin wie eine Diva aus Technicolor«

Max Bentow im Interview über seine Wahlheimat Kreuzkölln und den neuen Nils-Trojan-Thriller »Die Totentänzerin«

Im Herbst 2013 erscheint Ihr neuer Roman „Die Totentänzerin“. Es ist der dritte Thriller um den Berliner Kriminalkommissar Nils Trojan nach „Der Federmann“ und „Die Puppenmacherin“. Wie vertraut ist Ihnen Nils Trojan mittlerweile geworden?

Ich muss sagen, Nils Trojan ist mittlerweile so etwas wie ein Freund im Geiste geworden. Es gibt Situationen, die ich sofort mit ihm in Verbindung bringe, dann denke ich, das hätte ihm jetzt wohl auch gefallen oder darüber wäre er erschrocken gewesen. Zum Beispiel als sich vor einiger Zeit ein Vogel in meinem Arbeitszimmer verirrt hatte. In diesem Moment kam es mir vor, als habe der Federmann uns beiden diesen Gruß geschickt.

Hatten Sie von Anfang an im Sinn, eine Serie mit Nils Trojan als Hauptfigur zu schreiben oder gab es etwas an ihm, das Sie beim Schreiben gepackt und nicht mehr losgelassen hat?

Von Anfang an hatte ich für das Trojan-Projekt eine Serie im Sinn, und seine speziellen Ängste sind der Ansporn für jedes neue Buch, das ich über ihn und seine Fälle schreibe. Dabei habe ich das Gefühl, seine Figur immer weiter auszuloten, so dass eben diese Vertrautheit mit ihm entsteht.

Über Alfred Hitchcock wird die Anekdote aus seiner Kindheit erzählt, dass ihn sein Vater einmal wegen eines nahezu unbedeutenden Vergehens von einem befreundeten Polizisten für ein paar Stunden in eine Zelle einsperren ließ. Die aus diesem Erlebnis resultierende Angst und seine Schuldgefühle habe Hitchcock später als Erwachsener in seine Filme einfließen lassen. Bei Trojan ist es so, dass der Mord in der Nachbarschaft, den er als Kind beinahe mit angesehen hätte, und sein nagender Verdacht, sein eigener Vater könnte mit dem Verbrechen etwas zu tun haben, ihn einige Jahre darauf veranlasst haben, Kriminalkommissar zu werden, wie ich es in dem Band „Die Puppenmacherin“ erzähle.

Diese Urerlebnisse, diese Traumata sind es, die ich sowohl bei ihm als auch bei den Täterfiguren schreibend aufdecken möchte, denn ein Mensch ist nicht von Geburt an gut oder schlecht, sein Umfeld, seine Sozialisation, seine Erlebnisse prägen ihn. Hierin liegt für mich der Reiz, eine Thrillerreihe rund um Trojan zu erschaffen.

Ihre Romane lassen einen ganz in die Stadtlandschaft und Atmosphäre von Berlin eintauchen. Man kann die Wege der Figuren auf der Karte verfolgen und sich ein genaues Bild von den Schauplätzen machen. Nils Trojan, seine Fälle und Berlin – wäre eines ohne das andere für Sie überhaupt denkbar?

Nein, denn die Plots sind speziell in Berlin verortet. Das hängt auch mit meinem Arbeits- und Lebensrhythmus zusammen. Der Vormittag gehört dem Schreiben, nachmittags und abends bin ich in den Vierteln unterwegs, vergewissere ich mich der Orte und Straßenecken, über die ich gerade geschrieben habe und lasse mich gleichzeitig für den nächsten Schreibtag von ihnen und ihren Bewohnern inspirieren.

Wenn ich dann manchmal auch noch nachts von dieser Umgebung träume, bewege ich mich 24 Stunden lang durch meine Thriller.

Berlin ist Ihre Heimat, Sie sind dort geboren und aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen diese Stadt, und warum sind Sie immer wieder dorthin zurückgekehrt?

Berlin ist an manchen Ecken extrem hässlich und woanders wieder wunderschön. In den langen grauen Wintern verfluche ich die Stadt zuweilen, ohne zu vergessen, dass schon an der nächsten Straßenecke wieder ihr unvergleichlicher Charme aufblitzen kann. Und im Sommer ist die Stadt so lasziv und lässig wie eine Diva aus Technicolor, die einem B-Movie entsprungen ist. Dann wieder schlägt der Puls der Metropole so hoch wie meiner, wenn ich beim Schreiben auf die Tastatur einhämmere. Irgendwie laufen wir synchron, und darum möchte ich ihr niemals für längere Zeit den Rücken kehren.

Heute leben Sie in Kreuzkölln, das ist der Grenzbereich zwischen den Bezirken Kreuzberg und Neukölln, wo auch größtenteils die Nils-Trojan-Romane spielen. Worin liegt für Sie der besondere Reiz dieses Stadtteils?

Hier befindet sich die Hipster-Kneipe gleich neben der Shisha-Bar, die Spielhölle gegenüber dem Loft für Superreiche, wohnt der Wirtschaftsflüchtling neben dem Blogger, die Studentin neben der Flaschensammlerin, hat der eine den Lonely Planet in der Tasche, die andere den Koran – das Viertel ist zum Glück noch nicht gänzlich durchgentrifiziert, die Bevölkerung reicht durch alle Schichten und die unterschiedlichsten Nationalitäten. Es ist interessant zu beobachten, wie sich das weiterentwickeln wird. Langweilig ist es jedenfalls nie.

Gibt es Romanschauplätze, zu denen Sie einen besonderen Bezug haben, etwa zum Wohnhaus von Nils Trojan in der Forsterstraße, zum Lieblingsladen des Kommissars oder zu den Adressen von Tatorten?

Max Bentow

Bei meinen Spaziergängen komme ich beinahe täglich an dem Haus vorbei, in dem in meiner Vorstellung Trojans Wohnung verortet ist. Mittlerweile ist das für mich so real geworden, dass ich zu seinem Fenster hinauf grüßen könnte. Auch seinen Lieblingsladen gibt es wirklich, hier kaufe ich selbst gelegentlich ein. Sollten Sie allerdings mal dort hinkommen und sich wundern, dass Cem nicht an der Kasse steht, könnte es sein, dass er sich doch endlich dazu durchgerungen hat, ein paar Tage Urlaub zu nehmen.

Mein Lieblingsschauplatz ist aber nach wie vor ein altes Fabrikgebäude an der Spree. Ich bin mal auf das Dach geklettert und habe dort gedanklich den Showdown für den „Federmann“ durchgespielt. Die Aussicht ist gigantisch, der Sog in die Tiefe aber auch – und all das ist ins Buch mit eingeflossen.

Haben Sie die Wege und Orte, die Sie in Ihren Romanen beschreiben, stets im Kopf, oder fahren Sie die Routen gelegentlich ab, um Einzelheiten bestimmter Orte in Erinnerung zu rufen?

Die Bewegung draußen und die scharfe Beobachtung sind ganz wichtig, damit der Text Atem bekommt. Am Schreibtisch tut mir dann mein alter zerfledderter Stadtplan gute Dienste.

Kommissar Nils Trojan ist privat, aber auch auf dem Weg zur Arbeit häufig mit dem Rad unterwegs. Wie bewegen Sie sich am liebsten durch Berlin?

Mit Nils Trojan teile ich die Leidenschaft fürs Fahrradfahren. Ansonsten bin ich auch oft zu Fuß unterwegs. Aufs Auto kann man in Berlin eigentlich ganz verzichten.

In „Die Totentänzerin“ wird Nils Trojan mit einer für ihn bislang einzigartigen, äußerst heiklen Situation konfrontiert: Es scheint eine enge Verbindung zwischen dem Hauptverdächtigen einer Mordserie und dem Kommissariat zu geben, die zunächst allein Nils Trojan kennt. Können Sie etwas mehr über den Konflikt erzählen, in den der Kommissar dadurch bei seinem neuen Fall gerät?

So viel sei verraten: In „Die Totentänzerin“ gerät Theresa Landsberg, die Frau des Kommissariatsleiters, in den Fokus der Ermittlungen. Anfangs hat allein Trojan einen Hinweis, der sie belastet, und das bringt ihn in einen Konflikt. Einerseits will er sich seinem Chef gegenüber loyal verhalten, andererseits zwingen ihn sein Ehrgeiz und sein Berufsethos, dieses Verdachtsmoment unter keinen Umständen außer Acht zu lassen. Was soll er also tun? Seinen Chef umgehend zur Rede stellen oder zunächst heimlich gegen Theresa ermitteln, bis er mehr Gewissheit hat? Diese Situation versetzt ihn in große Konfusion, zumal er dann auch noch ein Komplott innerhalb des Kommissariats vermutet. Letztlich muss er sich fragen, wem er überhaupt noch trauen kann.

Mich beschäftigte die Frage, wie weit die dauerhafte Konfrontation mit dem Abgründigen bei einem Ermittler Spuren hinterlässt, wie verführbar er ist, ob bei der Bekämpfung des Verbrechens nicht auch etwas von der Faszination des Bösen auf ihn abstrahlen kann, zumal wenn es bei der Ermittlung plötzlich um seine eigenen Interessen geht und er nicht mehr gänzlich unbefangen ist.

Wie groß ist Trojans Loyalität seinem Chef gegenüber? Wie weit wird Landsberg gehen, um seinen Kopf zu retten? Und natürlich: Wie tief ist der Riss in der Beziehung zwischen Theresa und Hilmar Landsberg? Kann eine Ehe überhaupt weiter bestehen, wenn erst einmal der Keil eines furchtbaren Verdachts in sie hineingetrieben wurde?

Das sind die Überlegungen, die mich zum Schreiben der „Totentänzerin“ bewegt haben.

Ihre Thriller drehen sich stets um Mordserien, bei denen die Taten rituell, mit unfassbarer Grausamkeit und überwältigender Symbolkraft begangen werden. Haben Sie manchmal Angst vor Ihren eigenen Phantasien?

Die Phantasie eines Schriftstellers ist ja eine stets kontrollierte Phantasie, sonst würde sie irgendwann in den Wahnsinn abgleiten. Und jeder verantwortungsvolle Autor hat meiner Meinung nach ein ausgeprägtes moralisches Empfinden. Bei aller Grausamkeit in meinen Büchern, die ja letztlich ein Spiegel unserer gewalttätigen Gesellschaft ist, wird auch immer das Entsetzen darüber in den Figuren mitschwingen, insbesondere bei Nils Trojan, der mit den furchtbaren Verbrechen unmittelbar konfrontiert wird. Er ist in diesem Moment nur etwas näher dran als wir selbst in der Realität, wenn wir wieder von einer schrecklichen Mordserie in der Zeitung lesen müssen.

Um ihm diese Nähe mitzugeben, benötige ich die Phantasie, darum schätze ich sie eher als ein Rüstzeug, als dass ich sie fürchten muss.

Im ersten Band, „Der Federmann“, lernen wir Nils Trojan als Patienten der Psychologin Jana Michels kennen. Jana Michels wird zu einer wichtigen Ratgeberin bei Trojans Ermittlungen, und beide entdecken tiefe Sympathie füreinander. Immer wieder hat es den Anschein, sie könnten ein Paar werden. Doch nun tritt in „Die Totentänzerin“ eine Figur auf den Plan, die für neue Unwägbarkeiten sorgt: Boris, Janas Bruder, dem sich die Psychologin viel stärker verpflichtet fühlt, als ihr guttut. Können Sie schon andeuten, ob die komplizierte Dreierkonstellation zwischen Jana, Boris und Trojan im nächsten Roman wieder eine Rolle spielen wird?

Jana Michels hat ein starkes Helfersyndrom, das bringt ja schon beinahe ihr Beruf als Psychologin mit sich, darum wird sie sich weiterhin um ihren psychisch angeschlagenen Bruder kümmern, wohl wissend, dass dieser durchaus auch gefährliche Seiten an sich hat. Das birgt weiteren Konfliktstoff, zumal Boris extrem, ja schier krankhaft eifersüchtig auf Trojan ist. Und so wird er gewiss in einem der nächsten Bücher wieder auftauchen.

Da ich bereits die Arbeit an dem nachfolgenden Roman aufgenommen habe und weiß, dass sich weitere Schwierigkeiten in ihrem Privatleben auftun, fiebere ich derzeit intensiv mit Jana und Trojan mit und hoffe als romantisch veranlagter Mensch selbst, dass am Ende nur eines siegen wird: die Liebe.

Das Interview führte Elke Kreil für den Page & Turner Verlag (2013)