Interview zu »Der Federmann«

Mit Max Bentow im Gespräch

Mit Ihrem Psychothriller „Der Federmann“ treten Sie zum ersten Mal als Kriminalschriftsteller in Erscheinung. Vor diesem Thrillerdebüt hatten Sie bereits zahlreiche Bühnenstücke verfasst, für die Sie mit renommierten Preisen geehrt wurden. Was war der Anstoß für Ihren Wechsel hin zur Kriminal- und Spannungsliteratur? Hätte es Sie nicht auch gereizt, stattdessen Drehbücher zu schreiben?

Ich hatte schon immer ein Faible für die Kriminalliteratur und dachte bereits seit längerer Zeit über eine eigene Ermittlerfigur nach, malte mir ihre Vorlieben, Ängste und verborgenen Wunden aus. So verdichtete sich allmählich die Figur von Hauptkommissar Nils Trojan in meinem Kopf, bis es mich schließlich drängte, ihn seinen ersten Fall lösen zu lassen.

Das Drehbuchschreiben hat mich insofern nicht gereizt, da hier der kreative Prozess doch oftmals von einer Produktionsfirma beeinflusst wird. Als Romanschriftsteller ist man viel freier.

In „Der Federmann“ wird der Berliner Kommissar Nils Trojan an den Schauplatz eines grausamen Mordes gerufen. Können Sie uns – ohne hier schon zu viel zu verraten – etwas über die Verbrechensserie erzählen, die bald eine ganze Stadt in Atem halten wird?

Es dreht sich um eine Reihe von schrecklichen Frauenmorden. Den Opfern wurden nicht nur die Augen ausgestochen, sondern es fehlen ihnen auch die Kopfhaare. Und es werden tote Vögel an den Tatorten gefunden, sie scheinen im Phantasma des Mörders eine wesentliche Rolle zu spielen.

Was hat Sie zu dieser Handlung inspiriert?

Ich bin von meinen eigenen Ängsten ausgegangen. Schon als Kind habe ich mich schrecklich davor gefürchtet, mit meinen Eltern durch das Vogelhaus im Berliner Zoo zu gehen. Das Flügelgeflatter in geschlossenen Räumen löst bei mir panikartige Zustände aus. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten habe ich herausgefunden, dass ganz viele Menschen unter dieser Phobie leiden.

Der Täter richtet die Opfer bestialisch zu - in einem Mordakt mit gewaltiger Symbolkraft. Vom Schauplatz der Tat zeichnen Sie ein detailliertes Bild und setzen die Leser dem Anblick schonungslos aus. Zeigt sich in dieser Aufforderung zum Hinsehen, im Kommunizieren über Bilder mit starker symbolischer Wirkung ein Einfluss Ihrer Arbeit als Dramatiker?

Für mich sind das eher filmische Anleihen. Ich habe mich beim Schreiben immer gefragt, wie der Schauplatz wohl auf einer großen Kinoleinwand aussehen würde. Dieses Kopfkino beim Leser zu evozieren, war mein Anliegen.

Der Mörder lässt bei seinen Opfern stets Vögel zurück – Dompfaffen, wie sich herausstellt. Was symbolisieren die Vögel, und warum haben Sie sich gerade für den Dompfaff entschieden?

Da ist zum einen die Vorstellung, beim Sterben würde die Seele wie ein Vogel aus dem Leib des Menschen entweichen. Er steht aber auch für die Unfähigkeit des Menschen zu fliegen. Und er symbolisiert für mich etwas zutiefst Verstörendes, wenn er sich nicht am Himmel, sondern in einem geschlossenen Raum bewegt, somit steht er auch für eine Art des Gefangenseins.

Die Entscheidung für den Dompfaff traf ich, da er die Farbe Rot im Gefieder hat und sogar in einer Großstadt wie Berlin angesiedelt ist, wenn auch nicht gerade häufig, was ihm wiederum einen gewissen Seltenheitswert verschafft.

Mit Nils Trojan führen Sie eine vielschichtige Persönlichkeit als Ermittler ein. Er steckt in einer schwierigen privaten Situation und kämpft mit psychischen Problemen. Damit zählt Nils Trojan zu einer Reihe von Ermittlerfiguren in der gegenwärtigen Kriminalliteratur, die gleichzeitig mit einer tiefen persönlichen Krise eine berufliche Herausforderung meistern müssen. Worin liegt der Reiz dieser Zuspitzung, und wie beeinflusst diese Krise Trojans Arbeit bei der Mordkommission?

Max Bentow

Den Helden, der sich mit einer persönlichen Krise herumplagen muss, den leicht angeschlagenen Helden, der sich seine Schwächen eingesteht, vor eine beinahe unlösbare Aufgabe zu stellen, macht den großen Reiz beim Schreiben aus.

Als ich begann, die Figur von Nils Trojan zu entwickeln, tauchte ein Wort in meinen Notizen immer wieder auf, das Wort „Angst“, und so kristallisierte sich allmählich für mich eine entscheidende Frage heraus: Wie geht ein Mensch, der bestialische Morde aufklären muss, der stets bewaffnet ist und jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen muss, wie geht jemand, der selbst in den Fokus des Mörders gerät, mit seiner eigenen Angst um? Was passiert, wenn sich diese Angst nicht mehr erfolgreich verdrängen lässt und sich eigene Kanäle sucht?

Und so kam ich darauf, dass Nils Trojan mit Panikattacken zu kämpfen hat. Sie werden so stark, dass er beschließt, eine Psychologin aufzusuchen, heimlich, außerhalb der Dienststelle, denn er weiß, dass in seinem Kommissariat das Wort „Angst“ tabu ist.

So lernt Nils Trojan die Psychologin Jana Michels kennen. Mit ihrer Hilfe und durch das Wissen um die Zerbrechlichkeit seiner Seele wird er höchst sensibilisiert und kann sich auf diesem Wege sogar, wenn auch anfangs widerstrebend, in die kranke Psyche des Mörders hineinversetzen und bekommt so ein Gespür für dessen Motive.

Durch Ihren Roman zieht sich wie ein roter Faden die Beschäftigung mit der menschlichen Psyche, mit psychischen Störungen, ihrer Entstehung und ihrer Behandlung: Kommissar Nils Trojan sucht regelmäßig eine psychologische Praxis auf, die Frau von Trojans Vorgesetztem leidet unter gravierenden Krankheitssymptomen, der Hauptverdächtige in der Mordserie scheint depressiv zu sein. Was sagt es über die Gesellschaft in Ihrem Roman aus, wenn ein Großteil der Personen offen oder versteckt behandlungsbedürftig ist?

Wir leben in einer hektischen, gewalttätigen Welt. Mir lag auch daran aufzuzeigen, dass nicht jeder über die Kraft verfügt, diese Einflüsse ohne seelische Beschädigung zu überstehen.

Außerdem bin ich der Meinung, dass es in einem Kriminalroman nicht nur um die Aufklärung eines Verbrechens gehen sollte. Vielmehr ist es doch auch Aufgabe des Autors nachzuspüren, wo die Ursachen für all die schrecklichen Verbrechen liegen, über die wir Tag für Tag in der Zeitung lesen müssen.

Natürlich wäre es viel zu einfach zu sagen, eine kranke Gesellschaft bringt auch beschädigte Menschen hervor. Aber ich möchte schon gewisse Zusammenhänge herstellen und verborgene Schichten freilegen in den Biografien meiner Romanfiguren.

Unter den Opfern findet sich eines mit besonders tragischem Schicksal: Lene. Sie wird zu einer Schlüsselfigur für das Begreifen des Täters. Können Sie uns etwas mehr über ihre besondere Rolle erzählen?

Lene ist ein zehnjähriges Mädchen, sie muss Schreckliches mit ansehen und macht Furchtbares durch. Mit ihr nahm ich bewusst die Perspektive eines Kindes ein, um mich in die Zeit zu vertiefen, da die Persönlichkeit geprägt wird. Es ist oftmals leider auch die Zeit seelischer Deformierung. Hier können die Wurzeln künftigen Unheils liegen. Und so spannte ich den Bogen bis hin zum Täter, der selbst aus äußerst zerrütteten Verhältnissen stammt.

Beim Schreiben wollte ich Lene oft an die Hand nehmen und sie vor all dem Leid beschützen. So gab ich gewissermaßen meine eigenen Instinkte an Nils Trojan weiter. Er ist selbst Vater einer Tochter, die er über alles liebt, aber auch sehr vermisst, da sie seit seiner Trennung von ihrer Mutter nicht mehr bei ihm lebt.

Er setzt alles daran, um Lene zu retten, er spürt, dass sie mutterseelenallein ist auf dieser Welt, und würde ihr gern beiseite stehen.

Sie spielen mit Perspektivwechseln und locken die Leser geschickt auf falsche Fährten. Trotz aller Verdachtsmomente gelingt es Ihnen, erst ganz am Ende überraschend zu enthüllen, wer der Täter ist. Stand der Plot für Sie von Anfang an fest, oder gab es beim Schreiben spontane Entwicklungen, die der Auflösung des Falls eine andere Richtung gaben?

Ich habe mich sehr lange mit der Struktur des Romans beschäftigt, und auch die Auflösung habe ich mit Ausnahme weniger Einzelheiten schon vor dem eigentlichen Schreibbeginn genau festgelegt. Das Prinzip einer hohen Spannungsdramaturgie war mir überaus wichtig.

Der Psychothriller ist in Berlin angesiedelt, die Ereignisse tragen sich überwiegend in Kreuzberg, Treptow und Neukölln zu. Was bedeutet Ihnen Berlin – persönlich und als Schauplatz für Ihren Roman?

Berlin ist meine Heimat, hier wurde ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hierher bin ich immer wieder zurückgekehrt. Den Puls und den Atem dieser Stadt wollte ich meinem Roman mitgeben. Besonders am Herzen liegt mir das sogenannte Kreuzkölln, wo ich selbst wohne, die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg. Hier leben Menschen verschiedener Nationen, die völlig unterschiedlich sozialisiert sind, auf engem Raum nebeneinander. Eine aufregende Mischung, aber auch ein sozialer Brennpunkt, wie geschaffen für meinen Roman.

Mit Kommissar Nils Trojan und der Psychologin Jana Michels haben Sie zwei Charaktere auf den Plan gerufen, die sich bei Ermittlungen kongenial ergänzen würden. Haben Sie schon daran gedacht, einen weiteren Thriller zu schreiben und die Geschichte der beiden fortzusetzen?

Unbedingt! Ich bin bereits dabei, den nächsten Thriller mit Nils Trojan und Jana Michels als Hauptfiguren zu entwerfen.

Das Interview führte Elke Kreil für den Page & Turner Verlag