Max Bentows Brief über sein neues Buch
"Der Schmetterlingsjunge"

Liebe Leserinnen und Leser,

oft werde ich gefragt, wie ich denn eigentlich auf die Ideen zu meinen Büchern komme. Die Antwort fällt mir nicht leicht, denn die Inspiration setzt bei mir häufig leise und beiläufig ein. Manchmal ist es ein Bild, mal eine seltsame Begegnung, gelegentlich auch nur eine kleine Beobachtung, die sich nach und nach in meinem Kopf verdichtet, mit vielen anderen Bruchstücken zusammenfügt und sich ganz allmählich zum Stoff einer Geschichte verwebt.

Eines Morgens zum Beispiel, als ich den Vorhang am Fenster meines Arbeitszimmers aufzog, flatterte mir ein Falter entgegen. So sehr ich mich auf bemühte, ihm den Weg ins Freie zu weisen, er taumelte immer wieder ins Zimmer zurück und suchte schließlich Schutz in den Falten des Vorhangs. Ich saß am Schreibtisch und beobachtete ihn. Seine Flügel hatten eine interessante Zeichnung. Ich vermutete, dass es sich um ein Nachtpfauenauge handelte.

Um sicher zu gehen, schaute ich im Internet nach. Doch so sehr ich auch suchte, dieser Falter ließ sich nicht genau bestimmen. Dafür stieß ich auf Einträge über verschiedene exotische Schmetterlingsarten, deren Abbildungen mich faszinierten. Besonders der Blaue Morphofalter hatte es mir angetan. Seine Flügel sind von einem so intensiven, ja beinahe magischen Blau, dass ich nicht mehr die Augen von ihnen lassen wollte. Schließlich entdeckte ich den Hinweis auf ein Schmetterlingshaus in Potsdam, wo diverse Falter aus aller Welt gezüchtet werden und frei herumfliegen. Kurzentschlossen fuhr ich dorthin.

Ich hielt mich mehrere Stunden in diesem Tropenhaus auf. Auf der Heimfahrt in der S-Bahn notierte ich auf einem Blatt Papier einen einzigen Satz: „Verzweifelter junger Mann sucht Zuflucht bei den Schmetterlingen.“

Was anfangs noch eine spontane Eingebung war, sollte sich innerhalb eines Jahres zu meinem neuen Thriller entwickeln.

Der nächste Anflug der Inspiration veranlasste mich, über Schuhe nachzudenken. Ich befasste mich nämlich schon seit geraumer Zeit mit der Überlegung, dass die Schuhe, die wir im Laufe eines Lebens tragen, auch unsere Geschichte erzählen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch genau an ein Paar ausgetretener Sandalen, die meiner Großmutter gehörten. Nach ihrem Tod brachte ich es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. So viele Jahre hatte ich sie darin gesehen. Mir war, als wären sie zu einem Teil von ihr geworden, als habe sich etwas in ihren Schuhen manifestiert, das sie überdauern sollte.

Ich beschäftigte mich mit der Kulturgeschichte der Schuhe und stieß schließlich in einem Ausstellungskatalog über Schuhdesign auf eine Anekdote, die man sich über Marylin Monroe erzählt. Für eine bestimmte Szene in dem Film „Niagara“ ließ sie sich angeblich den linken Absatz ihrer Pumps kürzen, damit ihr Gang etwas besonders Laszives bekam. Ich schaute mir den Film auf DVD an und studierte die kurze Sequenz genau. Die Monroe macht ein paar Schritte über die Straße, hin zu den rauschenden Niagarafällen, und sie scheint tatsächlich in ihren Schuhen zu schweben.

Ihr Gang erinnerte mich an den gaukelnden Flug eines Schmetterlings.

Blauer Morphofalter

Das dritte Bruchstück für meinen Thriller ist die immer wiederkehrende Fragestellung, was einen Menschen dazu treibt zu morden. Ich finde, diese Frage ist überhaupt die Essenz anspruchsvoller Kriminalliteratur. Dazu fiel mir das berühmte Zitat von Georg Büchner ein: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“, das ich als Motto für meine Arbeit auswählte.

Wie sich diese Fragen, Recherchen, Beobachtungen und Fragmente von Erinnerungen letztlich zu einem ganzen Roman zusammensetzen, wird sich, denke ich, nie ganz entschlüsseln lassen, denn für mich ist das Schreiben bis zu einem gewissen Grad auch Magie. Vielleicht lässt sich der Prozess vom Hauch einer Idee bis zum vollendeten Werk am besten mit den Entwicklungsstadien eines Schmetterlings vergleichen: Aus dem Ei wird eine Raupe, die sich verpuppt, und schließlich schlüpft daraus ein Luftwesen. Es breitet seine Flügel aus und beginnt zu fliegen.

Nachdem ich also nun meinen Schreib-Kokon verlassen habe und mit dem Buch fertig bin, wünsche ich Ihnen viel Spaß und spannende Unterhaltung mit dem siebten Band der Nils-Trojan-Reihe „Der Schmetterlingsjunge“.

Ihr
Max Bentow

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