Ein Brief von Max Bentow

Liebe Leserinnen und Leser,

vor Kurzem lag dichter Schnee in Kreuzkölln, der Heimat von Hauptkommissar Nils Trojan. Eisschollen trieben auf dem Landwehrkanal. Zugegeben, der Winter ist nicht gerade meine liebste Jahreszeit, und ich beginne schon im Januar die Tage bis zum Frühlingsbeginn zu zählen.

Neulich aber sah ich jemanden wieder, von dem ich weiß, dass er mit dem Frost ganz andere Erfahrungen macht, und mir wurde klar, was für ein Luxus es doch ist, über die Kälte zu jammern, wenn man über einen festen Wohnsitz verfügt.

Sein Gesicht verschwindet fast gänzlich unter einem Vollbart, seine Cargo-Pants sind ausgefranst, er trägt mehrere Jacken übereinander, und auf seinem Kopf sitzt die obligatorische Wollmütze. Einige im Kiez kennen seinen Vornamen. Bis zum letzten Winter wohnte F. auf einer Parkbank direkt am Kanal. Die Stelle hatte er sich geschickt gewählt, halb verborgen unter Büschen, ein Baum schützte ihn vor Regenfällen. Unter Plastikplanen verborgen lagen sein Schlafsack und die nötigsten Sachen. Gelegentlich brachten ihm Anwohner Essen, etwas Obst, Suppe in einer Thermoskanne. Gesprächig war F. nie. Mehr oder minder stumm trotzte er Wind und Wetter, über mehrere Jahreszeiten hinweg. Seitdem ich in diesem Viertel wohne, ist mir sein Anblick vertraut.

Doch dann im letzten Januar kam der Schock. Auf einem meiner regelmäßigen Spaziergänge am Ufer des Landwehrkanals sah ich es: Seine Schlafstelle war einem Brandanschlag zum Opfer gefallen. Seine gesamte Habe schien betroffen zu sein, überall zerstreut im Gebüsch befanden sich verklumpte, verkohlte Überreste. Auch die Holzbohlen der Parkbank waren verbrannt. Recht bald erfuhr ich, dass er dem Anschlag zwar glücklicherweise entkommen war, seine Nerven aber seitdem ziemlich zerrüttet seien.

In den folgenden Tagen versammelten sich immer wieder Grüppchen von Anwohnern am Tatort. Auf einem Pappschild wurde kundgetan, wie sehr man das Verbrechen verabscheue. Es wurde um Kleiderspenden gebeten, einen Schlafsack. Selbst nach einer neuen Bank wurde beim Gartenbauamt angefragt. Wie ich dann aus Gesprächen mit anderen Kiezbewohnern erfuhr, hatte jemand kurzfristig einen Wohnwagen für F. bereitgestellt, in dem er nun die Nächte verbringen konnte.

Jetzt, im ersten Winter danach, steht längst eine neue Parkbank an alter Stelle, aber F. ist hierher nie mehr zurückgekehrt. Dafür sehe ich ihn manchmal in den Straßen meines Viertels. Es heißt, er habe mittlerweile in dem Wohnwagen festes Quartier bezogen. Der Brandanschlag aber wurde niemals aufgeklärt.

Gelegentlich, wenn mir F. auf einem meiner ausgedehnten Streifzüge durch Kreuzkölln begegnet, grüße ich ihn mit einem Kopfnicken, doch er ist nicht immer dazu bereit, solche Gesten zu beantworten. Neulich aber hat er gelächelt, was mich erleichterte. Offenbar geht es ihm wieder besser, und ich hoffe, dass er sicher durch den Winter kommt. Wer auch immer den Wohnwagen für ihn organisiert hat, ihm gebührt mein größter Respekt.

Möglich, dass Nils Trojan eines Tages auf jemanden wie F. treffen wird, vielleicht sogar schon im übernächsten Buch. Denkbar, dass der Betreffende in der Fiktion plötzlich überraschend mitteilsam ist und dem Kommissar die Geschichte seiner Herkunft erzählt.

Womit ich auch schon bei meinem Schreiballtag bin, liebe Leserinnen und Leser. Soeben konnte ich die Arbeit am fünften Band der Nils-Trojan-Reihe abschließen. Er wird im Herbst 2015 erscheinen. Um die Spannung hochzuhalten, möchte ich natürlich noch nichts verraten, nur so viel vielleicht: Jemand wird zurückkehren, Trojan gerät an die Grenzen seine Belastbarkeit, sein Privatleben erfährt einige Turbulenzen, und am Ende wird er einiges mehr über die Ursache seiner Panikattacken erfahren ...

Liebe Leserinnen und Leser, Ihnen allen wünsche ich ein wunderschönes Neues Jahr.

Winterzeit

© Lizenz: CC0 Public Domain: Pixabay.com Larisa-K

Herzliche Grüße und bis bald
Ihr Max Bentow

 

Max Bentow bei Facebook