Ein Brief von Max Bentow

Liebe Leserinnen und Leser,

es begann mit einem Traum. Ich irrte durch die Straßen meines Viertels, das sich auf erschreckende Art verwandelt hatte. Der Himmel war verschwunden hinter einem wild verzweigten Blätterwerk. Bäume standen dicht bei dicht, ihre Wurzeln knöchern mitten im Asphalt. Selbst aus den Fensteröffnungen der Häuser ragten Äste wie erstarrte Menschenarme, ihr Rindenholz glich ledriger Haut.

Ich erwachte und begann nachzudenken. Eilig warf ich mit dem Stift eine Notiz aufs Papier: Berlin ist ein dunkler tiefer Wald. Nach einem raschen Frühstück setzte ich mich sogleich an den Schreibtisch und blätterte in dem Märchenbuch, das mich schon als kleiner Junge fasziniert hatte. Wie damals verspürte ich den beängstigenden Sog, der von den zahlreichen Illustrationen ausging. Und dann entdeckte ich die eine Zeichnung wieder, die mich in der Kindheit am meisten verstört hatte: Es war ein Baum mit einem Gesicht, zahnlos der aufgerissene Mund, ein stummer Schrei, gefangen in dem bemoosten Stamm.

Weitere Notizen kamen hinzu, ich wurde immer aufgeregter, es meldete sich das vertraute Kribbeln, das mir das Heranwachsen einer neuen Geschichte, eines weiteren Thrillers ankündigt.

Über ein Jahr ist seit diesem rätselhaften Traumgeschehen vergangen. Und ein jedes Mal fiebere ich dem Moment entgegen, wenn aus den tastenden, zuweilen somnambulen Anfängen ein fertiges Buch entstanden ist.

Liebe Leserinnen und Leser, bald ist es soweit. Der Erscheinungstermin des vierten Falls für Kommissar Nils Trojan rückt immer näher: „Das Hexenmädchen“ erwartet Sie!

Das Hexenmädchen- Max Bentow

An dieser Stelle möchte ich Ihnen einen ersten Einblick in das Buch gewähren. Exklusiv für Sie folgt hier der Prolog aus dem neuen Trojan-Thriller, der ab dem 21. Juli in den Buchläden ausliegen wird.

Bis bald und herzliche Grüße,
Ihr Max Bentow

 

PROLOG AUS »DAS HEXENMÄDCHEN«

Einmal hielt sie inne, mitten im Schnee, und rang nach Luft. Ihre Lunge fühlte sich an, als steckte in ihr ein Heer aus tausend Messern. Atemwolken bildeten sich vor ihrem Mund in rascher Folge. Der Mond blitzte durch die Wipfel der Bäume hindurch, die Äste waren schwarz und kahl, wie knochige Hände, die nach ihr griffen. Vor Erschöpfung wollte sie einfach hinsinken. Doch obwohl sie noch ein Kind war, verstand sie: Ließe sie sich fallen, wäre alles vorbei. Die Schneedecke war ein Leichentuch. Also musste sie weiterlaufen.
Es war nicht einfach, im dichten Geäst des Waldes einen Weg zu finden, Zweige peitschten ihr entgegen, in Mulden sackte sie ein und strauchelte. Eine Zeit lang hatte die Kälte noch unter ihren Sohlen gebrannt, dann aber breitete sich die Taubheit aus und kroch allmählich an ihr herauf. Während sie weiterhastete, fürchtete sie, im Frost ihre Beine zu verlieren. Denn sie hatte ja nichts weiter als ein Nachthemd auf der Haut.
Schmerzhaft erinnerte sie sich an eine Geschichte, die ihre Mutter ihr einmal vorgelesen hatte. Darin war jemand erfroren, und kurz vor seinem Ende war er in eine täuschende Wärme gehüllt worden. So weit durfte es nicht kommen! Sie musste aus diesem Wald herausfinden.
Das Mädchen stolperte, rappelte sich auf und irrte weiter. Einmal versank sie knietief im Schnee, ein anderes Mal schlug ihr ein Ast so heftig gegen die Stirn, dass es ihr den Atem nahm.
Nicht umdrehen!, durchfuhr es sie. Weiter, vorwärts! Manchmal war ihr, als hörte sie Schritte in ihrem Rücken. Zuweilen glaubte sie ein Keuchen zu vernehmen, ganz nah bei ihr. Sicherlich war ihr Verschwinden längst bemerkt worden, und man hatte die Verfolgung aufgenommen. In diesen Momenten keimte Panik in ihr auf, und ihr Herz begann zu rasen. Sie zwang sich, allein auf ihre Bewegungen zu achten, nicht das Gleichgewicht und nicht die Orientierung zu verlieren. Nur nicht im Kreis laufen, die Richtung halten, möglichst geradeaus. Irgendwo musste dieser Wald doch enden.
Schließlich meinte sie, der Pfad würde sich vor ihr verbreitern, wie eine im Mondlicht glitzernde Spur, der sie nur zu folgen brauchte. Sie versuchte ihre Erschöpfung niederzuringen, bald aber wechselten sich Kälte und Hitze in ihr ab, und das Fieber lähmte sie. Sie war kurz davor aufzugeben, wollte sich hinwerfen und zum Mond hinaufstarren, in dessen Mitte sie ein mild lächelndes Gesicht ausmachte. Es schien ihr zuzuraunen: Schon gut, mein Kind, lass sein, strecke dich aus und gleite mit mir dahin. Das Zittern in ihrem Körper wurde immer stärker, sodass ihre Zähne aufeinanderschlugen und sie nur noch taumelnd vorankam.
Als sie erneut ins Straucheln geriet und sich an den Dornen eines Gebüsches verletzte, tropfte Blut in das eisige Weiß, und sie betrachtete es fasziniert, schwankend im Schwindel, bis sie sich endlich von dem Anblick losreißen konnte und sich weiterschleppte.
Der Weg änderte sich, die Bäume standen nun wieder dichter, und sie sah das lächelnde Mondgesicht nicht mehr. Alles vorbei, dachte sie, und ihr war, als drang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr, sie sang leise ein Lied, schien sie zu liebkosen und in den Schlaf wiegen zu wollen.
Das Mädchen schüttelte sich. Nein, dachte sie, nur eine Erscheinung, geh schneller, du darfst dem nicht nachgeben. Und so beschleunigte sie ihre Schritte, und mit einem Mal tat sich ein Forstweg vor ihr auf. Der Mond war nun so hell und klar, dass sie sich seinem Licht ganz anvertrauen konnte.
Es brannte in ihren Augen, und plötzlich hatte sie wieder ein Gefühl in den Füßen. Unter ihr lag Schotter, spitze Steine bohrten sich in ihre nackten Sohlen. Schließlich erkannte sie die Landstraße, und da waren zwei Scheinwerferkegel. Sie kamen näher.
War das ein Wagen? Sollte das ihre Rettung sein?
Das Mädchen atmete schwer, unter größter Anstrengung hob sie beide Arme und bewegte sie.
Das Auto näherte sich. Langsam, viel zu langsam, dachte sie, und verzweifelt fuchtelte sie mit den Händen in der Luft herum. Hoffentlich bemerkte man sie auch.
Schon vernahm sie das Motorengeräusch. Sie winkte unter Schmerzen. Ihr Nachthemd schien an ihrer Haut festgefroren zu sein, und ihre Finger waren bläulich und gekrümmt.
Der Wagen hielt.
Das Mädchen war wie erstarrt und wartete, dass man ihr helfen würde.
Sie sah, wie der Fahrer ausstieg und auf sie zukam. Das Licht der Schweinwerfer stach ihr in die Augen, direkt hinein.
Und dann stand der Mann vor ihr. Fassungslos blickte er sie an. Bis sich sein Mund auftat und er zu ihr sprach.
»Was ist mit dir, Kind? Großer Gott. Wo kommst du her?«
Sie taumelte, und er fing sie auf. Erst als er sie auf die Rückbank seines Wagens gelegt und in eine Decke gehüllt hatte, war sie sich halbwegs sicher, dass er nicht die Ausgeburt ihres Fiebers war.
Sie bemerkte noch, wie er sich hinters Steuer setzte. Gleich darauf fielen ihr die Augen zu. Als sie sie wieder öffnete, fuhren sie noch immer durch die Nacht. Er hatte ihr zugeraunt, er werde sie in ein Krankenhaus bringen.
Das Mädchen wollte sich aufrichten und ihm etwas sagen. Er hatte sie doch gefragt, woher sie kam. Und darauf musste sie ihm antworten.
Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen. Allerdings wusste sie nicht genau, ob er sie auch verstand, als sie kaum hörbar flüsterte:
»Ich war bei der Hexe. Tief im Wald.«

Max Bentow bei Facebook